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Wann ist man eigentlich erwachsen?

Wenn man alleine wohnt? Wenn man mit dem Studium fertig ist? Wenn man sich abends einfach ein Glas Wein nimmt? Wenn man (finanziell) unabhängig von den eigenen Eltern ist? Wenn wir aufhören ein schlechtes Gewissen zu haben, weil der Abwasch nicht gemacht ist und am Sofa Krümel liegen?

Ich bin jetzt fast 30. Es gibt Tage, an denen fühle ich mich erwachsen. Es gibt Tage, da tue ich so als ab. Und es gibt die restlichen Tage. An denen ich mich nicht sonderlich erwachsen fühle.

Wahrscheinlich bin ich inzwischen erwachsen. Trotzdem fühlt es sich nicht immer so an. Aber vielleicht ist das ja auch das Geheimnis der Erwachsenen? Dass sie gar nicht so erwachsen sind wie sie immer tun. Oder ist das so ein Generationsding. Ist meine Generation die, die nicht erwachsen wird? Oder ist meine Mutter etwa auch gar nicht so erwachsen, wie ich immer dachte?

In der Schule hat mein erster Schwarm (er war vier Jahre als ich und ich hielt ihn für sehr schlau) mal gesagt, erwachsen sei man mit 25. Ich fand das logisch. Weil dieses „mit 18 ist man erwachsen“ – NEIN! Definitiv nicht. Auch mit 21 fühlte ich mich alles, aber nicht erwachsen. Also wurde ich 25. Ich verbrachte diesen Geburtstag in Stockholm. Mit Essen von der Imbisbude und Bier im Pup – ich fühlte mich nicht sonderlich erwachsen. Immerhin wohnten wir im Hotel statt im Hostel. Das war ein bisschen erwachsen. Ich dachte, danach würde ich mich bestimmt erwachsener fühlen. Aber nein. Ich hatte erwachsene Momente. Aber erwachsen? Nein.

Jetzt bin ich also fast 30. Habe meine Uni endlich mal beendet. Habe einen Job. Und bekomme trotzdem noch Geld von meinen Eltern. Ich wohne in einer Wohnung, die keine WG mehr ist, habe nur noch die Sachen im Keller, in die ich nicht rein passe und nicht mehr meinen kompletten Hausrat. Trotzdem ist es keine Erwachsene Wohnung. Dazu haben wir zu viele Staubecken und das Geschirr wird nicht sofort abgewachsen.

Ich habe einen Jahresurlaub und verreise in diesem. Ich lebe mit einem Mann und einem Schinkentier zusammen. (Letztens meinte er doch echt, dass wir doch keine Kinder brauchen – mit dem Schinkentier wäre es doch auch schön.) Und ja, inzwischen fühle ich mich immer öfter erwachsen. Auch wenn ich immer noch nicht richtig weiß, was das sein soll.

Als Kind wollte ich gerne erwachsen werden. So gerne ich wie Pippi gewesen wäre, nein, ich wollte erwachsen sein. Ich wollte keine Abenteurerin werden. Ich wollte einen Bürojob und eine Familie. Ich weiß gar nicht so genau warum es mir so erstrebenswert erschien erwachsen zu sein. Und so leid es mir tut, dieses „nicht ins Bett müssen“ war leider keins der Argumente, die mir erstrebenswert erschienen. (Immer Kekse essen zu dürfen schon eher.)

Ich kann nicht mal sagen, was mir daran so erstrebenswert erschien. (Nein, auch wenn ich drüber nachdenke. Ich weiß es nicht.)

Für mich war Erwachsen werden also kein Schreckensgespenst sondern eher was, worauf ich mich freute. Und jetzt? Hmm irgendwie bin ich schon erwachsen. Ich weiß nur nicht, wann das passiert ist und woran ich das fest mache. Vielleicht ist es tatsächlich, dass ich ein Schnapsregal habe, zwar Kekse essen darf wann ich will, aber deshalb ein schlechtes Gewissen bekomme und es nicht ganz so oft mache.

Auch wenn ich mit fast 30 weder verheiratet bin, noch zwei Kinder habe, finanziell nicht unabhängig bin und keine Steuer mache – ich habe ein Schnappsregal, kann GinTonic und mag auf einmal Brokkoli. Ich kann mich ins Auto setzen und irgendwohin fahren und teile mir mein Bett mit einem Mann – und einem Schinkentier. Ist doch auch schon mal was. (Darauf einen Keks.)

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Balkongeschichten

IMG_0181Ich mag den Herbst. Ich mag es, wenn die Blätter bunt werden und in grün, orange und schon fast pinkem rot leuchten. Ich mag ihr Geraschel. Ich mag es, wenn ich der Sonne dabei zugucken kann, wie sich sich dazu entschließt, doch endlich mal aufzustehen, obwohl ich schon längst den Laptop und Tee ins Bett geholt habe. Ich mag diese Ruhe. Der Winter braucht viel zu lange, um wach zu werden und der Sommer schaut mich vorwurfsvoll an, wenn ich aufstehe. Der Herbst aber, der steht mit mir zusammen auf. Wir werden gemeinsam wach, wenn ich mir meine Laufschuhe anziehe und im Frühnebel durch den Wald laufe, wir gucken die erleuchteten Büros an und sind froh, dass wir langsam wach werden dürfen. Wenn ich fertig bin, ist der Herbsttag auch wach. Entweder er hat sich entschieden weiter grau und feucht zu bleiben, oder er wird schön und strahlend, damit alle die bunten Farben sehen können.

Ich mag es, meine Schals und Mützen raus zu kramen, die dicken Pullis anzuziehen, aber sie noch nicht unter dicken Jacken oder eiligen, erfrorenen Schritten zu verstecken. Mein gelber Schal leuchtet mit den Blättern um die Wette, selbst wenn der Tag grau und trüb ist. Die Temperatur ist immer genau richtig, man schwitzt nicht, man friert nicht (und wenn doch, dann kann man sich immer noch was wärmeres anziehen, im Winter ist da einfach irgendwann eine Grenze erreicht). Die Menschen erwarten nicht mehr, dass ich meine Beine zeige und ich darf endlich wieder meine ultra bequemen Boots anziehen und muss keine Angst vor rutschenden Sandalen haben. Meine Haut mag das Wetter und bildet keine Schweiß-Pickel mehr. Die Sommersprossen sind noch frisch, die Restbräune erinnert an schöne Tage und freut sich, dass sie endlich nicht mehr von Mücken angegriffen wird. Die Sonnencreme und das Deo verschwinden in der Ecke und machen dem Paar Handschuhe in der Handtasche Platz.

Und manchmal da scheint die Sonne so schön auf den Balkon, die Luft ist so frisch und klar und der Herbst ruft dir zu „Hej, komm raus zu mir, nimm deine Kuscheldecke mit.“ Und dann ist Herbst und die Nachbarn haben die Fenster zu und ich kann endlich meine Gedanken hören und sprühe vor Ideen und Energie, die im Sommer schwitzend und keuchend in der Ecke lagen. Aber die Umsetzung? Die kann bis morgen warten. Ich habe grade ein Tee-Date. Mit dem Herbst.